Malerin

Bergedorfer Straße 17
27726 Worpswede

Telefon +49 4792 3946

Vita

geboren in Hamburg
1975 - 79 Ausbildung als Erzieherin, Pferdepflegerin
1997 - 83 Studium an der Hochschule für Kunst und Musik in Bremen bei Jürgen Waller
1986 - 89 Lehrauftrag an der Fachhochschule Hannover
1991 - 92 Kunst am Bau - Bundesverwaltungsamt, Außenstelle Friedland
1995 - 96 Lehrauftrag an der Hochschule für Künste Bremen
2007 Dozentin im Künstlerhaus Spiekeroog
lebt und arbeitet in Worpswede

Preise / Stipendien / Lehren

1985 - 86 Stipendium des DAAD für Paris
1988 Nachwuchsstipendium des Landes Niedersachsen
1989 - 90 Stipendium der Barkenhoff Stiftung Worpswede
1991 Stipendium der Künstlerstätte Schloss Bleckede
2001 3. Preis, Kunstpreis Kulturhaus Grambke, Bremen
2010 1. Preis, Kulturpreis der Volksbank eG, Osterholz-Scharmbeck

Arbeiten im öffentlichen Raum

1991 - 92 "Balance" Sequenz von 9 Arbeiten, Bundesverwaltungsamt Friedland (mit Bernd Haffke und Ralf Kull)

Einzelausstellungen (Auswahl)

1984 Tatkreis Kunst an der Ruhr
1985 Galerie "Beim steinernen Kreuz" Bremen
1985 Kunstverein Langenhagen
1986 "Galerie Barz" Hannover
1987 Kunstverein Wolfenbüttel
1988 Kunstverein Herford (mit Ralf Kull)
1989 Atelierhaus Oldenburg
1991 Kunsttreppe Hamburg
1992 Kunstverein Springhof, Neuenkirchen
2001 Osterkirche Eilbeck, Hamburg
2003 Tagungsstätte Bredbeck
2006 Projektraum Künstlerhaus 1, Worpswede
2011 Kunstverein Osterholz
2012 "Overbeck-Museum" Bremen-Vegesack (mit Christoph Fischer)
2012 "impulsus artibus, Movens homines" Galerie Village Worpswede zeitgenössische Kunst zum Vogeler-Jahr 2012 (mit Ralf Kull)
2013 "wie leiser Gesang über dunkler Erde" Galerie und Dorfbuchhandlung, Worpswede

Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen im In-und Ausland

Viktoria Diehn - Pferd und Landschaft

Das Pferd, scheinbar wie zufällig in eine dem Auge des Betrachters sich nicht sofort erschließende Landschaft versetzt, wirkt in vielen Werken fast wie ein “Markenzeichen” der Künstlerin Viktoria Diehn. Viktoria Diehn, geboren in Hamburg, lebt und wirkt seit 1995 in Worpswede. Bevor sie ihre künstlerische Ausbildung begann, arbeitete sie als Erzieherin und, dem Pferd tief verbunden, als Pferdepflegerin, dies bei keinem geringeren als Josef Neckermann. 1979 nahm sie ihr Studium an der Hochschule für gestaltende Kunst und Musik in Bremen bei Professor Jürgen Waller auf, das sie 1983 abschloss. Es folgte ein mehrjähriger Lehrauftrag an der Fachhochschule Hannover.

1991/92 widmete sich Viktoria Diehn dem Projekt Kunst am Bau für das Bundesverwaltungsamt, Außenstelle Friedland zusammen mit ihren Kollegen Bert Haffke und Ralph Kull, es folgte ein weiterer Lehrauftrag 1995/ 96, nun an der Hochschule für Künste in Bremen; 2007 konnte das Künstlerhaus Spiekeroog Viktoria Diehn als Dozentin gewinnen. In diesen Jahren entwickelte und formte Viktoria Diehn ihre Malerei, erhielt zahlreiche Stipendien, durfte Preise für ihr künstlerisches Schaffen entgegennehmen.

Ein erstes Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes führte die Künstlerin 1985 bis 1986 nach Paris, es folgten 1988 das Nachwuchsstipendium des Landes Niedersachsen, 1989/90 das Stipendium der Barkenhoffstiftung Worpswede und 1991 das Stipendium der Künstlerstätte Schloss Bleckede. 2001 erhielt Viktoria Diehn im Rahmen des Kunstpreises des Kulturhauses Grambke, Bremen, einen dritten Preis, 2010 den ersten Preis im Rahmen des Kulturpreises der Volksbank eG Osterholz-Scharmbeck. Das Thema dieses zusammen mit dem Kunstverein Osterholz ausgelobten Kulturpreises umfasste “Stadt und Landschaft”. Insgesamt hatten 35 Künstler 64 Gemälde, Skulpturen und Fotografien eingereicht.

Mit dem Gemälde “Und darüber ein Vogel” konnte Viktoria Diehn die Jury überzeugen: die Leinwand füllt eine auf geometrische Formen reduzierte flächige Landschaft, darin auf rotem Grund ein Pferd, statuenhaft verharrend und reduziert auf seine Umrisse in einem kräftigen blauen Farbton. In zahlreichen Einzelausstellungen hat Viktoria Diehn bis heute ihre Malerei präsentiert. So in Essen, Bremen, Hannover Wolfenbüttel, Oldenburg oder Hamburg. Anfang 2012 zeigte sie eine Auswahl ihrer Malerei im Overbeck-Museum in Vegesack unter dem Titel “Pferd und Landschaft - Zeitgenössische Kunst aus Worpswede” (zusammen mit ihrem Kollegen, dem Worpsweder Bildhauer Christoph Fischer), seit Sommer 2012 ist eine Auswahl ihres Werkes in der Ausstellung “Durch die Bäume geht ein Wind. Heinrich Vogeler: Impulsus artibus, movens homines. Wand-Raum-Bilder” zu sehen. Die Ausstellung zeigt ebenso Malerei des Künstlers Ralph Kull, Studienkollege von Viktoria Diehn, mit dem sie bereits in Bremen und Herford gemeinsam aufgetreten ist.

Fast ist man geneigt zu sagen, es schließe sich künstlerisch ein Kreis. Vor 100 Jahren haben Künstler wie Fritz Overbeck, Hans am Ende, Otto Modersohn oder Heinrich Vogeler sich in Worpswede niedergelassen, Menschen und vor allem die Landschaft haben sie fasziniert und inspiriert. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Zeitgenössische Künstler haben das Erbe der Alten angetreten, neue Positionen in der Kunst gesucht und gefunden. In der Tradition und auf den Wurzeln längst vergangener Tage hat die Gegenwartskunst ihre neue Heimat gefunden. Oft ist bei den modernen Worpsweder Künstlern die Landschaft weiterhin das große und dominierende Thema, nicht selten darin Mensch und Tier zu einem spannungsgeladenen Ganzen verflochten. So auch in der Malerei von Viktoria Diehn. In ihren großformatigen Bildern dominiert zunächst eine klar strukturierte, geometrische Wiedergabe einer Landschaft, die Farben sind kräftig, die Verwendung unterschiedlicher Materialien auf der Leinwand lässt das Auge des Betrachters über vielfältige Strukturen schweifen, fast ist man geneigt, die Oberfläche mit den Händen zu erfühlen. Ein Ruhepunkt wird dem Betrachter gewährt durch das immer wieder kehrende Motiv des Pferdes in der Kunst von Viktoria Diehn. Das Auge verharrt, wird weiter geführt in die umgebende, sich dahinter erstreckende Landschaft.

In ihrem zweiteiligen Werk “Ich grüße Mimmo Paladino und Heinrich Vogeler...oder... die blauen Dragoner sie reiten” erweist sie sowohl der Vergangenheit wie auch der Gegenwart ihre Referenz. Trotz der nur schemenhaft in Umrissen angedeuteten Pferdefigur, dominiert sie doch das in graue und rote Töne getränkte Nesseltuch. Wie eine von Mimmo Paladino geschaffene Pferdeskulptur versetzt Viktoria Diehn diese im zweidimensionalen auf die Leinwand. Der zweite Teil des Bildtitels erinnert an ein Volkslied, welches zu Beginn des Ersten Weltkrieges die allgemeine Kriegsbegeisterung aufleben lässt, als die blauen Dragoner in romantisch-übersteigerter Form in den Krieg ziehen. Er erinnert aber auch an Heinrich Vogeler, der im September 1914 den Oldenburger Dragonern beitrat und in den 1. Weltkrieg zog. Alleine 9 Millionen Soldaten fanden in diesem Krieg den Tod, kaum geringer die Zahl der toten Pferde: 8 Millionen. Insgesamt verloren 17 Millionen Menschen ihr Leben. In leiser Form erinnert hier die Künstlerin an unsägliches Elend.

Auch der Titel eines weiteren Werkes regt zum Nachdenken an: “Vermessen...oder...das Land ruht und doch ist immer weniger Frieden”. In diesem Tryptichon überwiegen die gold-rot-Töne eines Heinrich Vogeler. Die linke Seite des dreiteiligen Bildes nimmt eine als Worpsweder Landschaft zu erkennende Fläche ein: sie ist geteilt durch einen dominierenden Birkenstamm, rechts davon ein Blick in eine vordergründig klassisch aufgebaute Landschaft hinweg über Felder, einen angedeuteten Waldrand, darüber ein wolkenverhangener blauer Himmel. Inmitten, wie ein ruhender Pol, auch hier die Gestalt eines Pferdes, durch kräftiges blau in seiner Silhouette dargestellt. Unter diesem, im selben Blau, nun jedoch komplett farblich gefüllt, ein weiteres, kleineres Pferd. Während das größere Tier gelassen in die Landschaft überleitet, bewegt sich das kleinere augenscheinlich im starken Schritt, verharrt nichts desto trotz seltsam in seiner Bewegung. Viktoria Diehn schafft hier nicht nur durch das Farbenspiel sondern auch durch ihre Bildtitel einen Bezug zu dem später überzeugten Pazifisten Heinrich Vogeler.

Zweiteilig angelegt ist Diehns Werk “Wolkenhell, ewig wandert über das Land”: es dominieren auch hier die Farben rot und blau. Während der linke Teil des Gemäldes sich abstrakt, lediglich im unteren Bereich wie durch eine Art Steinschichten, präsentiert, hat die Künstlerin den zweiten Teil des Bildes wieder großflächig mit einem Pferdeportrait versehen. Wolkengebilde an einem blauen Himmel erinnern wieder an die Weite der Landschaft um Worpswede. Die untere Bildhälfte nimmt ein Pferdereliefkopf aus Gips ein, ein Kopf edel und voll antiker Kraft, als wäre er dem Parthenonfries entsprungen.

Auch in dem fünfteiligen Werk “Herbstmorgenschimmer über den Weiden” dominieren die blauen und roten Töne. Ein Landschaftsausschnitt ist zergliedert in umzäunte Weideflächen, diese für das Auge des Betrachters nun wirklichkeitsnah in grünen und gelben Farbtönen. In sich ruhend steht ein Schimmel auf einer der Weiden. Kunst und Natur werden von Viktoria Diehn zu einer Einheit verschmolzen, in denen das Pferd als Mittler dient. Trotzdem bleibt es dem Betrachter überlassen, wie lange sein Blick sich am Pferd festhält, ob er es als Vermittler in die umgebende Landschaft betrachtet oder als symbolträchtigen Mittelpunkt von Diehns Kunst. Viktoria Diehn selbst benennt ihre Werke als Wand-Raum-Bilder, Kunstwerke, die in den umgebenden Raum übergehen, in denen sie eine Kombination von Malerei und realen Objekten schafft. Der Titel ihrer aktuellen Ausstellung in Worpswede “Impulsus artibus, movens homines” bedeutet aus dem lateinischen übersetzt “Durch die Künste angetrieben, die Menschen bewegend”, und er war Programm für Heinrich Vogeler , so wie heute auch für Viktoria Diehn. Sie regt die Betrachter ihrer Bilder zu einer neuen Sichtweise an, lässt sie gleichermaßen verweilen, wie auch in die Weite schweifen, und sie nutzt dazu die Landschaft als ihr zentrales Bildmotiv. Natürliche Elemente wie Getreide sind in das Bild hinein verwoben, ergeben eine geradezu sinnliche Bilderfahrung, für den Betrachter verwischen sich die Grenzen von Realität und Gemaltem.

Dr. Liliane Skalecki

Weite Wiesen, kraftvolle Pferde und Blaue Dragoner

Die Landschaft und das Pferd dominieren im Werk von Viktoria Diehn. Doch erst seit einigen Jahren verknüpft die Malerin beide Motive miteinander. Denn lange bevor die Landschaft in ihre Bilder trat, war das Pferd da; eigentlich von Anfang an.

Schon auf einem Kindheitsfoto sitzt sie hoch zu Ross, in früher Jugend nahm sie Reitunterricht, und nach einer Erzieherausbildung ging sie für kurze Zeit als Pferdepflegerin in einen renommierten Reitstall. Dass sie ein eigenes Pferd ritt, ist lange her, doch kümmert sie sich heute um zwei Pferde in der Nachbarschaft, die das Gnadenbrot bekommen.

Früh tauchen die kraftvollen und dynamischen Tiere in ihren Bildern auf. Ob in naturalistischer Form, als Umrisslinie oder Fragment, immer sind sie präsent. Selbst in ihre sogenannten Wand-Raum-Bilder sind sie integriert, wenn beispielsweise ein Pferdekopf aus Kunststoff von der Wand in den Raum übergeht. Viktoria Diehn, die Ende der 1970er / Anfang der 80er Jahre an der Kunsthochschule Bremen bei Jürgen Waller studierte, wusste zu dem Zeitpunkt längst, was sie wollte: malen, nichts als malen.

Ihre erste Begegnung mit Worpswede fiel in das Jahr 1989. Sie hatte das Barkenhoff-Stipendium (seinerzeit eine Künstlerförderung des Landes Niedersachsen) erhalten und konnte sich in eines der Künstlerateliers auf dem ehemaligen Anwesen Heinrich Vogelers einquartieren. Damit war knapp ein Jahr lang intensives und sorgloses Arbeiten in dem namhaften Künstlerort inmitten der ehemaligen Moorlandschaft möglich. Mitte der 1990er Jahre kehrte sie nach Worpswede zurück – und blieb. Sie mietete sich mit ihrem Ehemann auf einer Hofstelle außerhalb des Dorfes ein, wo der Blick über weite Wiesen und Reste trockengelegter Hochmoore schweifen kann. Es ist diese Landschaft mit ihrer großen Leere, aber mit bisweilen atemberaubenden Stimmungen, die die Künstlerin fasziniert.

In diesem Umfeld entstehen ihre Bilder, die meist aus Farbfeldern oder horizontalen Farbschichtungen aufgebaut sind. Oftmals haben die Farbflächen etwas Materielles, denn Viktoria Diehn reichert sie mit Komponenten wie Bitumen, Stroh oder Pappmaché an. Sie wirken dann äußerst pastos und üben einen haptischen Reiz auf den Betrachter aus. „Irgendwann hat sich in meine Bilder die Landschaft eingeschlichen“, bemerkt sie beiläufig und weist auf die Wiesen mit Weg und Koppelzaun, die sich hinter der Fensterscheibe ihres Ateliers weit in die Ferne erstrecken. In einem ihrer Bilder kehrt genau dieser Ausschnitt, vereinfacht und flächig dargestellt, wieder. Ein anderes Bild, mit weißem Birkenstamm im Vordergrund und in die Fläche projizierter Landschaft, erinnert in der Komposition an Bilder von Paula Modersohn-Becker. Statt der menschlichen Figur, die die heute weltberühmte Malerin einhundert Jahre zuvor als Teil der Landschaft auffasste, sind es bei Diehn zwei Pferde, ein größeres in leuchtend blauer Kontur und ein kleineres in intensivem Blau, die auf der fahlgelben Bildfläche erscheinen.

Immer wieder tauchen sie auf, die Pferde, die ihren Bildern etwas Lebendiges verleihen. Als Metapher stehen sie für die mal gezügelten, mal ungezügelten Naturkräfte; bisweilen auch für Kraft und Schönheit. Die großformatige Bildtafel mit dem Titel „Ich grüße Mimmo Paladino und Heinrich Vogeler … oder ... die Blauen Dragoner sie reiten“, zu einem Diptychon gehörend und für ihre Ausstellung im Vogeler-Jahr 2012 entstanden, zeigt so ein schönes, fast gläsern anmutendes Pferd in weißen Umrisslinien. Es ist eine Reverenz an den italienischen Künstler Paladino und dessen Pferdeskulpturen und zugleich an den einstigen Mitbegründer der Künstlerkolonie, der am 1. September 1914 in das Regiment der Oldenburger Dragoner eintrat – und damit freiwillig als Soldat in den Ersten Weltkrieg zog. Dieses Datum hat sie - ganz unscheinbar - im Bild vermerkt. „Vogeler ist hier für mich der Spannendste“, sagt sie. Und das nicht wegen des Jugendstil-Revivals, das seine Jugendstilornamentik heute erlebt. Viktoria Diehn ist fasziniert vom politischen Vogeler, der nach dem Krieg sozial-utopische Ideen zu verwirklichen suchte und der schließlich nach Sowjetrussland ging.

Unten links auf blauem Grund erscheint eine anderer Verweis auf ihn: die Tulpe, die für die Schönheit und die märchenhaften Träume seiner ersten Werkphase steht und von der Malerin ganz naturalistisch ins Bild gesetzt wurde. Naturalistische Elemente stehen in ihrem Werk den abstrakten Farbfeldern wie selbstverständlich gegenüber. Das hat für sie etwas mit Gegensätzen zu tun, die ihr wichtig sind. Denn ohne sie gibt es im dialektischen Sinne keine Entwicklung - auch nicht in der Kunst.

Gudrun Scabell