Malerin

Adolphsdorfer Str. 171
28879 Grasberg

Telefon +49 4792 2885

E-Mail: Ursula.Barwitzki@gmail.com
Website: https://Ursula-Barwitzki.de/

Vita

1949 geboren in Beuthen

1969-83 Studium der freien Malerei in Warschau, Akademie der schönen Künste
1982 - 83 Grafikausbildung - Grafikatelier Orvelte/ Holland
1984 – 87 Studium im Fach Erwachsenenbildung, Bereich Kunst, Universität Bremen
1992 – 96 Studienaufenthalt: Atelier Civitella / Italien
2006 - 2007 Studienaufenthalt Teneriffa
2008 Eröffnung der Galerie Lichtblick in Grasberg Kunstverein Osterholz ( E )
Ab 2011 Gründungsmitglied und Vorsitzende des Neuen Worpsweder Kunstvereins

nwwk

Arbeiten in öffentlichem Besitz

Graphothek des Landkreises Osterholz

Graphothek Bremen

Ausstellungen

1987 Gezeiten 1 - Kunst im Unterweserraum ( K )
1988 Kunstfrühling, BBK Bremen ( K )
1989 Kunst und Museumskreis Bad Essen
1989 Gezeiten 2 - Kunst im Unterweserraum ( K )
1990 Kulturetage Bremerhaven ( E )
1990 Kommunale Galerie, Worpswede
1990 Schloß Dachau, Dachau
1990 Kunstverein Harburg, mit Ivanka Svobodova
1990 Museum Techniki, Warschau ( K )
1990 Kunst International,“Plus 90“, Lemberg / UDSSR ( K )
1990 Center of Art, Givat - Hsviva, Israel
1990 Galerie am alten Rathaus, Dangast ( E )
1990 Genesis 2, Pavillon Hannover ( K )
1991 Kommunale Galerie, Worpswede
1991 Galerie Fauler Pelz, Überlingen
1991 Kulturetage Bremerhaven, „Reiselust 91“( E )
1992 Kunstverein Achim ( E )
1992 Galerie Lucas, Grasberg, mit Tobias Weichberger
1992 Galerie am alten Kurhaus, Dangast ( E )
1993 Galerie Ursus Presse, Düssedorf ( E, K )
1993 Euroart / salle Marc Jacquet a Barbison, Frankreich
1994 Galerie Wasserweg, Frankfurt ( E )
1994 KAOS-Galerie, Köln
1994 Galerie 2 Colombus Circle, City of New York
1994 Rosellius Museum, Forum für zeitgenössische Kunst, Worpswede ( E, )
1995 Galerie 149, Bremerhaven ( E )
1995 Galerie Dagmar Behringer, Gauting / München ( E )
1996 Galerie im Park, Bremen (E.K )
1996 Galerie Ulrieke Schlieper, Neustadt Gödens ( E )
1996 Studiogalerie Busse, Worpswede ( E )
1997 Galerie Bernack, Worpswede, mit Konstantin Weber
1997 Kunstverein Osterholz Scharmbeck ( E )
1997 Galerie Apex, Göttingen
1997 "Nicht öffentlich", Projekt BBK, Bremen
1997 Rosenskulptur
1998 Kommunale Galerie, Worpswede / Dialog Art ( K )
1998 Galerie Heidie Probst, Nonnenhorn / Bodensee ( E )
1998 Kunstfrühling, Untitled, BBK Bremen ( K )
1998 Kunstmesse, Galerie Dagmar Behringer, Insbruck
1998 Kunst im öffentlichen Raum „Topoi“, BBK Bremen
1999 Galerie Gildewart, Versmold, mit Hans Müller
1999 Galerie Dagmar Behringer, Gauting / München ( E )
1999 Künstlerbahnhof / Jubilarte, BBK Bremen ( K)
1999 Kommunale Galerie Worpswede, „z. ZT.“ mit Marikke Heinz-Hoek
2000 Kunstverein Osterholz Scharmbeck, Symposium / Papier
2000 „Sehnsucht nach Landschaft!“, „Pink Box“ Installation, Expo 2000, Projekt der Barkenhoffstiftung ( K )
2000 Städtische Galerie, Zeven ( E )
2000 Städtische Galerie Bremen, Jahresausstellung BBK Bremen
2002 Reichstagspräsidentenpalais, Berlin, mit Waldemar Grazewicz
2002 Kunstverein Osterholz Scharmbeck, Internationales Künstlersymposium / Kerami
2005 Kunstverein Nordhorn
2009 -2015 Ausstellungsbeteiligungen im norddeutschen Raum
2011 Galerie Lichtblick mit Hans Müller - Konzeptmalerei und Skulptur
2013 Kunstraum Maribondo in Osterholz Scharmbeck ( E )
2013 Galerie 149, Bremerhaven
2013 Neuer Worpsweder Kunstverein „Sichtweisen“ II
2016 Kunsthalle Netzel „Feminin und Furios I“
2016-2019 Arbeit am Zyklus „Kodak Gold Negativ - Kinderbildnisse“
2016-2019 Arbeit am Zyklus „Fern, NAH“
2018 Kunsthalle Netzel „Feminin und Furios II“
2018 Galerie 149, Bremerhaven
2018-2019 Neuer Worpsweder Kunstverein „Sichtweisen III“

Kunst im öffentlichen Raum

1991 „Gezeiten 3“, „ Gezeitenbank „Schwanewede
1992 Kunst am Baum , Bremerhaven
1993 Eingriffe und Kommentare, „ Begegnung „Holzobjekt, Sedanplatz Bremen
1994 „Entgleisungen„7 Metallstühle mit Sofakissennachbildung , Bremen
1997 Privatgrün Stadtgrün, „ Rose für Rose“ Bremen
1998 „Topoi" BBK Projekt, Holzobjekt an der Schwachhauser Heerstr. Bremen
2000 Rosenskulptur, Vorplatz Hauptbahnhof Bremen
2000 Pink Box, „Sehnsucht nach Landschaft“, Worpswede

Auszeichnungen

1994 Förderpreis des Landkreises Osterholz
1998 Kunstpreis des Landkreises Osterholz
2007 Dr. B. Kaufmann Preis, Worpswede
2007 Kulturpreis der Volksbank e.G. Osterholz-Scharmbeck

Kinderbildnisse

Beim Aufräumen stößt Ursula Barwitzki auf eine Schachtel mit alten Farb-Negativen. Fotografien aus dem Familienleben: sie selbst im Spiel mit ihrem Sohn, ihr Patenkind, Kinder aus der Nachbarschaft, im Haus, im Garten, auf der Straße. Klassische Momentaufnahmen, die Kinder- und Familienzeit dokumentieren und Erinnerungen bewahren sollen. Augenblicke sind auf Dauer gestellt und zugleich Zeugnisse des Vergehens. Die Negative tragen Spuren der Zeit. Sie selbst sind ein historisches Medium und schon orange-rot verfärbt. Die Welt in den Bildern ist vertraut und erscheint doch merkwürdig fremd. Die Umkehr von hell und dunkel schafft neue Atmosphären, die Farben, die Verfärbung, das Format, die Figuren wie aus einem überstrahlten Schatten- und Schemenreich.

Die Fundstücke fesseln Ursula Barwitzki. Es mag an der Begegnung mit ihrer eigenen Geschichte liegen, mit der Frühzeit ihrer Mutterrolle. Dann die Wiederbegegnung mit dem Kind, vielleicht besetzt mit Gedanken an diese Zeit des Aufbruchs, der Wünsche und Möglichkeiten, Hoffnungen und Ziele, aber auch der damaligen alltäglichen Bedürfnisse und Notwendigkeiten. Welch ein Bild des Kindes und der Familie zeichnen die Aufnahmen? Entsprechen sie den Erinnerungen? Zeigen sie die Natürlichkeit, die Lebendigkeit, die Ursprünglichkeit und die Unschuld des Kindes, die von solchen Fotografien für gewöhnlich erwünscht wird? Oder drücken sich in ihnen die Projektionen und Erwartungen des Erwachsenen aus? Wie schaut die Künstlerin jetzt darauf? Ist da Abstand oder Nähe? Welche Gefühle lösen die Bilder aus? Nostalgie, Wehmut, Freude? Drängt sich eine Bilanz auf? Findet sie sich darin wieder?

Die Negative haben die Mutter aber auch die Malerin in Ursula Barwitzki berührt. Sie zeigen eine umgekehrte Welt, eine bekannte Welt in einem anderen Licht, mit einem ambivalenten Klima von Klärung und Unschärfe. Nicht eine vielleicht zu erwartende historische Patina prägt die Bilder, sondern eine den Blick herausfordernde Buntheit. Hell und Dunkel tauschen die Rollen, das Kolorit wirkt irritierend im unruhigen Ensemble der Komplementärfarben. Die Künstlerin fühlt sich von der Farbigkeit und der Formensprache der Negative angezogen, entdeckt Bildwürdigkeit, sieht sich zur Auseinandersetzung aufgerufen. Sie beschließt, die Funde in Malerei umsetzen und kehrt damit zu ihren figurativen Anfängen zurück. Sicher kein Zufall, dass in dieser Auseinandersetzung mit Fundstücken aus der Familiengeschichte die frühere Bildsprache und die frühe Mutterrolle im Wechselspiel thematisiert werden.

Trotz des Wissens über die konstruktive und kompositorische Struktur der Fotografie wird dem Foto weiter ein dokumentarischer Wert, eine zeugnishafte Beglaubigung der Wirklichkeit zugeschrieben. In den Negativen aber schiebt sich das Medium zwischen Welt und Bild. Eine Zwischenwelt ist aufgeblendet, eine Transformation ereignet sich, in der sich Augen in helle Kreise verwandeln, denen kein individueller Ausdruck mehr abzulesen ist, in der Gesichter zu planen lichten Flächen werden, denen die Physiognomie fehlt, in der sich das Ambiente der Protagonisten zu merkwürdig ortlosen Räumen, planen Flächen und erstarrten Linien zusammenziehen. Eine eigene von der Sichtbarkeit des Alltags abstrahierende Bildwelt stellt sich ein. Eine Welt mit einer eigenen Sprache und einer artifiziellen Präsenz, die sich bei aller Plakativität in sich selbst zurückzieht. Offenbart sich darin Verborgenes?

Ursula Barwitzki schließt an die Verwandlungen an, die sich in der Parallelwelt der Negative einstellen. Sie überträgt die Farbigkeit in malerische Entsprechungen, die im großen Format eine eigentümliche Unwirklichkeit erzeugen. Man sieht den Werken die Praxis der Malerin in der Abstraktion an. Die Flächen sind in monochromen Bezirken ausbalanciert, die Linienverläufe geklärt, Hell-Dunkelverläufe bewegen die Formen, in unscharfen Farbverläufen und -schichtungen bildet sich ein innerer Puls. Die Figuren selbst werden zu Trägern von malerisch-plastischen Ereignissen. Die Hautfarben sind in bläulich graue Töne umgeschlagen, die dem Körper eine starre Festigkeit verleihen. Die Einebnung ins Flächige und die grafische Zuspitzung der Linien sind in der malerischen Umsetzung verstärkt. Es herrscht eine fast gespenstische Ruhe, das Leben scheint für den Augenblick seiner Bildwerdung angehalten, Regung und Bewegung sind eingefroren, die Blicke aus diesen Gesichtern erscheinen bohrend fest, die Mienen wirken maskenhaft. Eine immaterielle, sphärische Stimmung bestimmt die Bildräume.

Ein Junge sitzt auf einem Hocker oder einer Kiste, er hält über den Oberschenkeln einen Stock in den Händen und schaut in die Kamera. Das Licht, das von ihm auszugehen scheint, überstrahlt jeglichen Anflug von Ausdruck. Das Gesicht ist mehr Antlitz, die Augen öffnen sich wie Höhleneingänge und geben doch nichts preis. Hinter ihm stehen Sträucher. Er tritt in diesem Gartenraum eher isoliert auf, Stämme, Äste und Laub wirken ornamental stilisiert. Das ganze Ensemble trägt den Charakter einer Cartoonwelt, in der sich Abstraktion und Figuration, Flächigkeit und Körperlichkeit durchdringen.

In einem Bild ist ein Kind mitten ins Zentrum gesetzt. Die Kamera hat es in einer leichten Aufsicht eingefangen. Die Malerin nimmt die Komposition der Fotografie auf und steigert ihre Wirkung zu der Pose eines ganz in sich ruhenden und doch mit seiner Umwelt eng korrespondierenden Jungen. Die Arme und der Unterkörper sind angeschnitten, so drängt die Darstellung über das Format hinaus. Die Arme bilden eine Diagonale, die quer durch das Bild verläuft und diesem seine Dynamik verleiht. So stellt sich die Vorstellung einer kreisenden Bewegung ein. Die Falten der Kleidung und die Lage der Haare schreiben an dieser Drehung mit. In einem anderen Bild reckt die am Boden sitzende Mutter das Kind in die Höhe, eine vertraute Bewegung, mit der Eltern ihre Kinder zum Juchzen bringen. In dem flächigen und mattfarbigen Interieur von Ursula Barwitzkis Malerei wirkt dieses Geschehen merkwürdig blutleer, eher wie eine formale Handlung. Die Darstellung wirft Fragen auf, für wen dieses Zusammenspiel welche Wirkung hat, was in den Protagonisten wohl vorgeht. Das Bild lässt hinter den Vorhang von Konventionen blicken, hält sich selbst aber von Kommentaren fern.

Und dann sind da einige Bilder von Kindern, einzeln oder in Gruppen, die der Kamera frontal entgegen blicken. Ein Junge ist in der Seitenansicht festgehalten und dreht den Kopf zum Betrachter. Seine überstrahlten Augen lassen keine Regung erkennen, wir bekommen keinen Blick zurück. Es könnte sein, dass sich das Kind ertappt fühlt, gestört, vielleicht verärgert über die Zudringlichkeit der Kamera. Ein anderes Bild zeigt ein Kind in seinem Bett, die Beine baumeln zwischen den Stäben heraus. Die Mutter neckt das Kind mit ihrem Fuß, eine herausfordernde Geste, eine Regung des Kindes ist nicht zu sehen. Seine eigene Welt korrespondiert auf spannungsvolle Weise mit der Umwelt. Er erscheint in ihr gefangen und geschützt. Geisterhaft treten zwei Kinder in einem weiteren Bild auf, sie blicken mit einer Mischung aus Trotz und Missmut in die Kamera. Ihre Körper sind in ein Zusammenspiel von Licht und Schatten getaucht, nahezu transparent und doch undurchsichtig in einer traumnahen Dämmerung. Die Kinder tragen ernste Gesichter, scheinen dem Betrachter entgegen zu treten und sperren sich zugleich ab, als wollten sie sich gegen jede Offenbarung und Entschlüsselung, gegen jede Zumutung und Zurichtung durch die Perspektive und Projektionen der Erwachsenen stemmen. Die Kinder treten in diesen Bildnissen in einer ganz auf den Augenblick gerichteten Aufmerksamkeit und einem intensiven Eigenwillen auf. In den Bildern realisiert sich die Vorstellung vom Kind als eines ganz auf spontane Bedürfnisbefriedigung gerichteten Wesens. Sie treten in ihrer Zugewandtheit als soziales Wesen auf und sprechen dabei doch ganz unmittelbar für sich. Die sichtbaren Affekte wirken authentisch und offensiv. Es sind komplette Wesen in einer eigenen Welt, die sich an der der Erwachsenen reibt.

Die Familienfotos, die Ursula Barwitzki zufällig gefunden und in eine ebenso ausdrucksstarke wie formal und farblich reizvolle Malerei übertragen hat, dürften bei ihr keine einfache Begegnung mit der Vergangenheit ausgelöst haben. Wie sie sich darstellen in ihrem Zwischenzustand und in ihrer Umkehrung verfremden sie die Wirklichkeit zu einer neuen höchst ambivalenten Sichtbarkeit. Sie reichen an Urgründe und Abgründe und schaffen Rätseln Platz. Licht und Schatten legen sich in ungewohnter Form auf die Figuren und lassen die Räume in einer schwer greifbaren Kühle und Distanz erscheinen. Die Protagonisten treten isoliert an leeren Orten wie vor bühnenhaften Staffagen auf, vereinzelt, auf sich selbst bezogen und geworfen, wie vom Umraum getrennt und aus ihren Zusammenhängen gefallen. Familiäre Umgebung und liebevolle Gesten wenden sich zu starrer Kulisse und formalen Akten.

Ursula Barwitzkis Projekt thematisiert fotografische Zugriffe auf die Wirklichkeit, indem sie das Mediale in den Fokus rückt und die Gedanken und Empfindungen der Fotografen und Fotografierten zur Debatte stellt. Sie praktiziert den Anschluss der Malerei an die Fotografie, dockt dabei aber gezielt an das Malerische und Grafische des Lichtbilds an. Sie exponiert die Stärken des Malerei in ihrer Präsenz, ihren taktilen Reizen, ihrer Stofflichkeit, ihrem artifiziellen Charakter, der den Betrachter in eine andere Welt mitnimmt, in der gewohnte Dinge befreit von Begrifflichkeit auf sinnlicher Ebene neu verhandelt werden können. Die Malerin macht die umgekehrten Lichtverhältnisse zum bildnerischen Konzept. Die so generierten Figuren stellen das Kinderbildnis und das Bild des Kindes zur Disposition. Gespenstisch auftretend scheinen die Protagonisten etwas Monströses zu offenbaren, das mit unserem Bild nicht übereinstimmen will. Was sehen wir im Kind? Das unschuldige und ursprüngliche Wesen, dem wir all das zuschreiben, was die Sozialisation an heller Natürlichkeit bei uns ausgelöscht hat und das wir in eine bessere Zukunft projizieren? Oder ist das Kind schon das komplette Wesen, in dem alle Facetten des menschlichen Seins angelegt sind und das notwendig der Erziehung bedarf, damit sich die positiven Anlagen ausbilden? Ist im Kind nicht auch das Abgründige angelegt? Spiegelt sich in der Natur des Kindes nicht auch die Natur selbst mit ihren Polen Schönheit und Schrecken? Die Kinder in diesen Bildern tragen das Geheimnis der Kindheit und ihre eigenen individuellen Geheimnisse in sich. Wollte die Fotografie sie in einer charakteristischen Pose und Haltung festhalten, stellt die Malerei sie ins Zwielicht und fördert vor allem Irritation. Der Malerin wird in ihrer Arbeit viel Reibungspotenzial entgegengetreten sein. Ihre Bilder tragen diese Energie in sich.

Dr. Rainer Beßling / Kulturjornalist / Kunstkritiker

Über die Künstlerin

Die Malerei von Ursula Barwitzki ist elementar. Sie findet immer mit Linien und Farben auf der Fläche statt. Sie folgt der Imagination und keinem Thema. Die Sujets werden nicht abgebildet, sondern entwickeln sich aus Linien und Formen.

Die Werke der letzten 3 Jahre sind durch ein komplexes Verhältnis von zeichnerischen und malerischen Elementen und von einer veränderten bildsprachlichen Dynamik bestimmt, die sich in den gegensätzlichen Neigungen zu freier Improvisation und einem entschiedenen Bildaufbau ausdrückt. Der Prozess der Formfindung wird ebenso wichtig wie die Form selber, die vor allem als entstehende charakterisiert werden.

Die einzelnen Felder wirken wie mit Leinwand umspannte Flächenobjekte, auf die bemalte Baumwollteile und Reste anderer Textilen geklebt sind. Eine gleichmäßige Grundstruktur und ein mehrschichtiges, flächiges und plastisches Vorgehen stellen die konzeptionelle Ausgangsposition dar. Aber das Konstruktive und das Regelhafte sind nur als Dispositiv oder als Grundakkord für das spontane und intuitive Wachsen der Formen und das Erzeugen vielfältiger zu verstehen.

Der bewusst statisch angelegte Bildaufbau zwingt die Betrachterinnen und die Betrachter, sich zu bewegen, wobei es gleichgültig ist, an welcher Stelle sie in die Bilderwelt eindringen. Das Auge kann bei einzelnen Kompositionen verweilen, aber es wird ihm nicht gelingen, das Teil für das Ganze zu nehmen. Überall befinden sich bestimmt gesetzte Richtungsverweise, die die einzelnen Felder übergreifen und die ein differenziertes Netz von Korrespondenzen bilden. Das Auge kann sich auf vorgegebene oder suggerierte Bewegungen einlassen, aber es wird nicht gezwungen, einen bestimmten Weg zu verfolgen. So stehen verwandte bogenförmige und ellipsoide Motive, diagonal und parallel geführte Linienzüge, kräftige Farbfelder sowie gestisch aufgelöste und formbestimmende Einzelheiten in keinem mathematisch definierbaren Verhältnis zueinander. Die ästhetische Struktur setz auf Reize, die unterschiedliche Reaktionen auslösen, aber nicht auf ein System. Die Figurationen sind teilweise bestimmbar, aber sie entziehen sich zugleich einer festen Begrifflichkeit.

Ursula Barwitzki folgt beim Malen inneren Prozessen, die zu einem permanenten bildschöpferischen Akt verwandelt werden. Mit einem Pinsel umkreist sie Formen, die zunächst nicht eindeutig festgelegt sind. In diesem Stadium versucht sie, die aus dem Inneren kommenden Impulse und die äußere Bewegung der Hand gleichsam zu verschmelzen. Das spontan entstandene bildet immer neue energetische Felder und bildnerische Verweise, auf die laufen reagiert werden muss. In den Wechselspiel zwischen Zufall und Kontrolle entwickelt sich die innerbildliche Ordnung, überraschende Figurationen und ein offenes Zeichensystem. Der Arbeitsvorgang ist nicht nur ein ästhetisches Handeln, sondern dient auch der Freilegung innerer geistiger und emotionaler Vorgänge, die sich als ein bewusstes Erinnern vollzieht. „Wenn ich die inneren Bewegungsvorgänge kläre, benutze ich Linien, Formen und Farben, die zur Erinnerung dienen. Um die Gegenwart verstehen zu können, muss ich mich erinnern können, denn sie zeigt mir ein neues, ein mir fremdes Erscheinungsbild“.

Ursula Barwitzkis ist streng und locker, hintergründig und heiter, klar und voller widersprüchlicher Assoziationen. Bildformate werden mit Vorliebe in einzelne Felder unterteilt, die durch ihre Umrisse und Hell-Dunkel-Kontraste eine äußerst virulente Dramaturgie ergeben. Diese programmatische Komposition wiederholt sich in der Binnenzeichnung, erfährt aber eine vielschichtigere Ausarbeitung. Das Verhältnis von Figuration und Grund wird entweder scharf betont oder „schwebend“ ausgeglichen. Die Künstlerin liebt ein dialektisches „Bild-im-Bild-Prinzip“, das sie energetisch stark auflädt, um spannungsreiche Simultan-Effekte zu erreichen. In dieser Konzeption wirken Formbezüge niemals konstruiert oder gequält, sondern immer selbstverständlich. Leere Flächen können auf diese Weise ebenso erregend wie gestaltete Flächen sein.

In Ursula Barwitzkis „Virtuelle Bildwelten“ ist alles miteinander verschoben, aber es existieren keine Hierarchien. Die Farbe füllt nie nur eine Form aus, wie umgekehrt eine Linie kein Eigenleben gegenüber der Farbe entwickelt. Die Durchdringung konträrer Bildelemente und ihr unauflösbares Beziehungsgeflecht verhindern, dass sich einzelne Bereiche in der Wahrnehmung isolieren. Da jede Linie zugleich gegenstandsbezogen und bildorganisierend eingesetzt ist, erhalten alle abstrakten und figürlichen Elemente einen Doppelcharakter, in dem Form und Inhaltuntrennbar miteinander verbunden ist. Eindeutiges und Erkennbares ist immer zugleich vieldeutig und doppelbödig. Viele Bilder stecken voller Geschichten und Kommentaren, die offenbar sehr persönliche Gedanken und Gefühle widerspiegeln. Doch wirklich greifbar und „begreifbar2 sind die Inhalte und die Bedeutung nicht. Es sind Andeutungen die keiner sprachlichen Logik, sondern einer Ambivalenz folgen, die dem Medium der visuellen Darstellung eigen ist. Ein besonderes Reizklima entsteht, weil zahlreiche Motive und Piktogramme unmittelbar verständlich erscheinen. Diese „Einstiegshilfen“ erweisen sich aber als Lockmittel in ein Labyrinth der „Irrungen und Wirrungen“, indem der Faden der Ariadne nur mit Hilfe bildnerischer Phantasie und nicht mit Hilfe logischer Schlüsse gefunden werden kann.

Die Kunst Ursula Barwitzkis ist aktuell, weil sie die Bedingungen ihrer eigenen Praxis reflektiert. Der Künstlerin geht es nicht um eine Malerei, die sich selbst genügt. Sie möchte den permanenten Prozess veranschaulichen, der in der Malerei entsteht. Ihre Konzeption, „Bilder im Bild“ zu demonstrieren, zeigt, dass für sie die alte Identität von Bildfeld und Blickfeld überwunden ist. Ihre mehrteiligen Tableaus besitzen, weder materiell noch immateriell, einen Rahmen. An seien Stelle tritt eine Dialektik von Begrenzung und Entgrenzung, die in den „Richtungsweisern“ programmatisch formuliert wurde. Die unterschiedlichen Sprachen der Abstraktion und der Figuration finden sich in diesen Bildern nebeneinander. Sie konkurrieren nicht und werden nicht künstlich „harmonisiert“, d.h. die Wechselvolle, konfliktreiche Geschichte dieser Darstellungsmodi im 20. Jahrhundert wird nicht weitergeführt. Sei werden in ein komplexes Wechselverhältnis gesetzt, das sie auf einer Basis der Gleichberechtigung in einem gemeinsamen, vablen Beziehungsfeld voneinander abhängig macht. So können sich auf dem Hintergrund erinnerter und bewahrter Spuren offene Strukturen der der Annäherung entwickeln.

Der zerbrochene Spiegel, eine Metapher für die Identitätskrise der Malerei am Ende des 20. Jahrhunderts, wird in der Kunsts Ursula Barwitzkis im wörtlichen und im symbolischen Sinn sichtbar. Das Zerbrochene wird aber nicht geflickt, nicht zu- oder übermalt, sondern wird zu einem Ausgangspunkt für die mutige Suche nach überzeugenden Alternativen. Ursula Barwitzki führt in einer Situation, in der die Malerei im Widerspruch zu sich selber steht, ihr neue Energie und Kräfte zu.

Dr. Hans-Joachim Manske / Kunsthistoriker