Malerin

Worpswede

E-Mail Frauke-Migge@t-online.de
Website http://frauke-migge.de/

Vita

1941 in Bremen geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung besuchte sie drei Semester die Kunstschule in Bremen.
seit 1966 als freischaffende Malerin und Zeichnerin tätig, kam Frauke Migge über Stationen in Frankfurt, Heidelberg und Göttingen
1973 durch ein Stipendium des Atelierhauses nach Worpswede
ab 1977 Leben und Arbeiten in Worpswede
1981 Stipendium, Casa Baldi, anhängig der Villa Massimo
1983 „Förderpreis Kultur“ des Landkreises Osterholz
1988 Stipendium Israel, Deutsch – Israelischer Künstleraustausch

 

Diverse Publikationen und Fernsehbeiträge in Deutschland, Österreich, Italien und Japan.

Die Grundthematik ihrer Arbeit ist die Auseinandersetzung mit der Bewegung menschlichen Daseins in seiner Endlichkeit innerhalb der Phänomene von Zeit und Raum, sowie Innen und Außen, die Suche nach den Dingen hinter der fassbaren Wirklichkeit

Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen im In- und Ausland

Ankäufe im öffentlichen und privaten Besitz

 

Gleich einer kleinen Retrospektive gewähren die Bilder und Zeichnungen Einblick in das Schaffen einer Künstlerin, die wie eine Zauberin auf Malgrund und Zeichenkarton zu agieren versteht. Frauke Migge, sie hat im künstlerischen Ausdruck ihre ganz persönliche, unverwechselbare und immer wieder verblüffende Sprache gefunden. Winzig kleine Farbtupfer und feinste Bleistiftschraffuren, die den Strich von Pinsel und Stift ganz vergessen machen, dienen als Buchstaben und formen die Worte, d.h. Die einzelnen Bildelemente. Diese fügen sich im Zusammenspiel zu einem beeindruckenden Ganzen, das den Betrachter in eine Bildwelt voller Sinnbilder entführt.

Im November 1941 in Bremen geboren, zieht die Mutter 1943 mit ihr aus der von Bomben bereits stark zerstörten Stadt aufs Land. Kampsheide nahe Asendorf mit seinen wenigen Gehöften ist fortan für acht Jahre ihr Zuhause. Der zum Kriegsdienst herangezogene Vater, der so energisch für den Umzug plädiert hatte, erlebt das Heranwachsen seiner Tochter nicht. Er stirbt 1944, so daß Frauke Migges Kindheit wesentlich durch das Fehlen des Vaters und das Bemühen der Mutter, den nötigen Lebensunterhalt zu verdienen geprägt ist.

Tagsüber weitestgehend sich selbst überlassen, verlebt sie, so will es ihr scheinen, „eine für heutige Kinder wohl unvorstellbar einsame Kindheit. Die Bauern gingen ihrer Arbeit nach, Spielzeug gab es nicht, geschweige denn Kinder als Spielkameraden.“ Trotzdem empfindet sie „nicht die Spur von Mangelerscheinung“, vielmehr spürt sie „eingebunden zwischen Tieren, Pflanzen, Wind, Wolken, Jahreszeiten – eben Natur – ohne analysierende Ratio … so etwas wie Geborgenheit im großen Sein“, eine Erfahrung, die sich später maßgeblich auf ihr künstlerisches Schaffen auswirken sollte.

Anfang der fünfziger Jahre kehren Mutter und Tochter zurück nach Bremen, wo sie im Osterdeichviertel wohnen. Das städtische Leben bietet zweifellos bessere Möglichkeiten für Kontakte und Begegnungen, es zeigt sich aber, daß Frauke Migge es vorzieht, zum Zeichnen in ihr Zimmer zu gehen, anstatt draußen mit anderen Kindern zu spielen. Den künstlerischen Neigungen folgend, wünscht sich das junge Mädchen nichts sehnlicher, als nach der Schulausbildung die Bremer Kunstschule besuchen zu können. Auf Drängen der Mutter absolviert sie zunächst jedoch eine Lehre als Dekorateurin. Mit dem Ende der Ausbildungszeit ist endlich der Weg frei für die Kunstschule, von der sie sich so viel verspricht. Doch ihre Hoffnung, hier eine grundlegende praktische Einführung in die vielfältigen künstlerischen Techniken zu erhalten, wird bitter enttäuscht.

Kurzentschlossen stürzt sie sich in das Abenteuer vorübergehender kaufmännischer Selbständigkeit im Bereich der Werbung, mit der sie unter Beweis stellt, als Graphikdesignerin ohne weiteres wirtschaftliche Unabhängigkeit erlangen zu können. Ab 1966 ist sie dann ausschließlich als freischaffende Malerin und Zeichnerin tätig, es folgen Stationen in Frankfurt, Heidelberg und Göttingen. Über ein Stipendium des damals gerade erst zwei Jahre bestehenden Atelierhauses kommt sie 1973 nach Worpswede bei Bremen, in ein Dorf, das seit seiner Gründung als Künstlerkolonie 1889 bis heute als solche lebendig geblieben ist und nach wie vor Künstler und Kunstinteressierte anzieht. Viele kamen und gingen im Laufe der Jahrzehnte, sei es für ein paar Tage, eine Woche, einen Sommer oder auch länger. Frauke Migge gehört zu denjenigen, die nach diversen Aufenthalten beschloss zu bleiben. Sie lebt und arbeitet jetzt seit 1977 in Worpswede und zählt inzwischen zu den anerkanntesten Worpsweder Künstlern der Gegenwart: 1983 vom niedersächsischen Landkreis Osterholz mit dem Förderpreis Kultur ausgezeichnet, erhielt sie Stipendien in Rom (1981) und Israel (1988), und ihre Bilder sind nunmehr seit Jahrzehnten nahezu in Ausstellungen im In- und Ausland, vor allem aber in der Worpsweder Kunsthalle zu sehen gewesen.

In ihrer Vorgehensweise ist sie akribisch, ja von atemberaubender Präzision, und mit viel Ruhe, gesuchter Zurückgezogenheit, schöpferischer Kraft und Beherrschung der künstlerischen Techniken, gepaart mit unglaublicher Ausdauer, Zähigkeit und Disziplin, fördert sie ihre Werke zu Tage. Der Entstehungsprozeß als solcher, das Malen und Zeichnen, wird von Frauke Migge selbst als ein Akt meditativer Versenkung, als Mittler zwischen Bewusstem und Unbewußtem empfunden.

Charakteristisch und beeindruckend an Frauke Migges künstlerischem Schaffen ist die Verschmelzung der technisch perfekten, geradezu photorealistischen Darstellungsweise mit der surrealistischen Kombination der Bildgegenstände. Sie führt dazu, daß der flüchtige Betrachter sich spontan an den belgischen Maler René Magritte (1898/1967) erinnert fühlen mag, der in den 30er Jahren eine der eigenständigsten Varianten des Surrealismus entwickelte: Die rätselhafte Kombination der Bildgegenstände, betont durch irreale Größenverhältnisse und verschiedene Bildebenen, ferner die kühle Farbigkeit sowie die realistisch-präzise, glatte Malweise, dies alles schafft optisch und inhaltlich extreme Kontraste, die den Eindruck von Verfremdung auf die Spitze treiben.

Eben dieses Phänomen zeichnet auch das Schaffen von Frauke Migge aus: In der optischen Erscheinung sachlich-kühl und statisch, wirken die Arbeiten genau durchdacht, sie muten in keiner Weise zufällig oder gar beliebig an, sondern klar durchkomponiert und häufig streng symmetrisch aufgebaut, Schier unvorstellbar, daß weder den Zeichnungen noch den Gemälden eine Vielzahl von Skizzen und Studien vorausgeht, daß die Künstlerin es vielmehr intuitiv bewerkstelligt, inhaltliches und kompositorisches Kalkül direkt mit dem Entstehungsprozeß zu verbinden.

Muten Magrittes Gemälde wie spielerische Rätselbilder an, so entwirft Frauke Migge hintergründig-geheimnisvolle Sinnbilder, die sich dem Betrachter in Bildtiteln ankündigen, welche auf abstrakte Begriffe wie „Projektion“, „Wandlung“, „Illusion“, „Fragwürdigkeit“ oder etwa „Verborgenes“ abstellen. Sie alle kreisen immer wieder um eine Idee, nämlich die Suche nach dem, was sich hinter den irdischen Wirklichkeiten verbirgt: der Kreislauf kosmischen Werdens und Vergehens. Die Malerin selbst beschreibt ihre Intention als die Auseinandersetzung mit der Bewegung menschlichen Daseins samt seiner Endlichkeit, und zwar innerhalb der Phänomene von Zeit und Raum sowie Außen und Innen.

Um dies darstellen zu können, bedient sich Frauke Migge einerseits einer bestimmten Symbolik, andererseits spielt sie mit durchscheinender, räumlicher Mehrschichtigkeit, begleitet vom Prinzip der Verschleierung und der Verwandlung. Beim Betrachter löst solches Neben-, Über-, Vor-, und Hintereinander scheinbarer Realitäten spürbare Verwirrung aus, die der statische Bildaufbau, die begrenzte Farbigkeit und die extrem sachlich - distanzierte Art des Abbildens allerdings wieder auffangen und beruhigen.

Was nun die Symbolik anbelangt, so findet sie vor allem in solchen Motiven ihren Ausdruck, die sich den vier Elementen – Erde, Wasser, Luft und Feuer – zuordnen lassen; die Erde verkörpert durch Weltkugel und Landschaft, das Wasser durch Fluß, Graben und Welle, die Luft durch Himmel und Wolken, das Feuer durch Licht und nächtlichen Mondschein. Hier erweist es sich nun, dass Frauke Migge im Grunde eine Landschaftsmalerin ist, denn die Abbildung der menschlichen Gestalt spielt eigentlich keine Rolle, so sehr auch das, was die Bilder ausdrücken, den Menschen betrifft und betroffen machen kann. Zumeist stehen Spuren menschlich-lebendigen Daseins, Ansichten von Innenräumen, Mobiliar oder andere Gebrauchsgegenstände, stellvertretend für die menschliche Figur. Sofern der Mensch doch einmal auftaucht, so wird er – bis auf wenige Ausnahmen – nicht als Individuum gezeigt, sondern anonym von hinten oder schemenhaft sich durch eine Verhüllung abzeichnend. Sogar beim Selbstbildnis bleibt das Abbild auf die scherenschnittartige Wiedergabe des Umrisses reduziert.

Das Zeichnungen und Bilder eindeutig beherrschende Bildmotiv ist das der Landschaft mit ausgedehnter flacher Ebene und weitgespanntem Himmel samt imposantem Wolkenbild, und diese Landschaft hat ihre Vorbilder zweifellos in der Worpsweder Moor- und Wiesenlandschaft. Mithin gilt Frauke Migge heute als die einzige Worpsweder Künstlerin, deren Schaffen wie einst das der Gründer der Kolonie tatsächlich noch unmittelbar vom Ort des Entstehens, seiner landschaftlichen Umgebung geprägt ist: Der Blick vom Weyerberg auf die Niederung, Hammefluß und Feldwege sind klar auszumachen, wobei die Wahl der Zentralperspektive und der ferne Horizont den Eindruck von Unendlichkeit und Ewigkeit suggerieren.

Die Darstellung des im Lichtstrahl erscheinenden, vereinzelten Baumes, den der Betrachter im Geiste mit der menschlichen Kreatur gleichsetzen mag, er vermittelt das Gefühl von Leere und Einsamkeit, das einhergeht mit der Empfindung von Kleinheit und Bedeutungslosigkeit des einzelnen vor der Gesamtheit von Natur und Kosmos. Geradezu versöhnlich nimmt sich demgegenüber der kegelförmige Lichtstrahl aus, der den Baum gleich einer schützenden Hülle umfängt und – wie in anderen Darstellungen auch – das Prinzip Hoffnung symbolisiert, das sich bei aller sichtbar werdenden Skepsis wie ein roter Faden durch Frauke Migges Bildschaffens zieht.

Vor dem Hintergrund solcher hier nun beispielhaft angedeuteten optischen wie inhaltlichen Fülle wird deutlich, daß sich die Bilder und Zeichnungen nicht einfach mit einem Blick erfassen lassen. Sie laden zum Verweilen und zur Besinnung ein. Meditativ wie der Akt der Entstehung, so verlangt auch die Betrachtung nach langsamem, genauem Hinsehen, ja nach innerer Versenkung, um ein Werk in seiner ganzen Vielschichtigkeit zu erkennen und assoziativ für sich zu erschließen.

Dr. Birgit Nachtwey, Kunsthistorikerin