Fotograf

Auf dem Vieh 1
27726 Worpswede

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Fax +49 4794 9 62 90 86

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Website http://www.ruedigerlubricht.de

geb. 1947, arbeitet als freischaffender Fotograf in Worpswede bei Bremen.

Berufenes Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh)

Gastprofessuren / Lehraufträge

2001-2002 Hochschule für Künste in Bremen.
2008-2010 Kunstakademie Münster.

Seine Schwerpunkte sind konzeptionelle Fotografie, Industrie- und Architekturfotografie. Die Wirkung seiner Fotografie beruht auf einem konsequent umgesetzten Konzept. Er wählt ein Thema aus, konzentriert sich auf das Charakteristische, reduziert also gedanklich das Motiv auf den wesentlichen Gehalt und setzt diesen fotografisch um.

Seine Fotos sollen den Blick beruhigen und auch zum Nachdenken über das eigene Erleben anregen.

Tschernobyl ist nicht Geschichte!

Da sind träge Flüsse unter wolkenlosem Blau, da sind Reetgraswiesen, die sich bis zum Horizont dehnen, und Erlenhaine, durchzogen von silbrig schimmernden Wasseradern und da sind die endlosen Tannenwälder. Das Land um Tschernobyl ist flach und von herbem Reiz.

Aber da sind auch die Schlagbäume und die Passkontrollen, das Militär und die Warnschilder, welche dem Passanten ein rostrotes „Apasja" (Gefahr") mit auf den Weg geben. Und all das vervielfacht sich, je näher man dem innersten Kreis der „Zone" rückt. So heißt auch das mysteriöse und gottlose Territorium, durch das Regisseur Andrej Tarkowskij seinen „Stalker" irren ließ. In der Zone um Tschernobyl ist wenig mysteriös, aber einiges gefährlich. Man lässt nur streng ausgewähltes Personal herein. Warum, sagt einem der Geigerzähler, der anzeigt, dass die Radioaktivität 100-mal höher ist als in Minsk. Der Natur scheint das gut zu bekommen. Der grüne Filz rankt an Zäunen und Brücken, überpelzt Wege und Autowracks, frisst sich in verfallene Siedlungen.

Irgendwann steht man vor einem Kreisel mit einem verrosteten Wegweiser nach Tschernobyl. Nach ein paar Metern ist man da und rollt durch die unbewohnten Häuserschluchten der Außenbezirke. Aber Tschernobyl ist keine Geisterstadt. Das Atomkraftwerk wird abgewrackt und braucht Kraftfahrer, Wachpersonal, Feuerwehrleute, Monteure, Köche, Bäcker und Verkäuferinnen. Rund 4000 Menschen werken hier, müssen aber wegen der starken Strahlung alle zwei Wochen ausgetauscht werden. Auch die Mitarbeiter der Firma „Chornobylinterinform", eine große Serviceagentur für Besucher und Fachleute, die sich aus diversen Gründen in der Region aufhalten.

Wer zum Atommeiler will, der 10 Kilometer ausserhalb der Stadt liegt, passiert eine Reihe von Erdwällen, die wie Spargelbeete aussehen. Darunter liegt das verstrahlte Dorf Kopatschi, das man komplett abgerissen und vergraben hat. Kurz darauf öffnet sich der Blick über die Pripyat - Ebene, aus der weit sichtbar fünf Reaktorblöcke ragen. Es war Reaktor Nr. 4, der am 26.04.1986 in einer gewaltigen Explosion zerbarst, 200 Tonnen radioaktives Material in die Atmosphäre schleuderte und heute - umhüllt von einem monströsen Betonsarkophag – dasteht wie die steingewordene Mahnung: „Atomkraft, nein danke!"

Wir, die Fotografen Anatolij Kljaschtschuk aus Belarus und Rüdiger Lubricht aus Niedersachsen, haben in den letzten Jahren unabhängig voneinander die verseuchte Provinzen Weißrussland und der Ukraine durchstreift, weil wir wissen und mit unseren Bildern dokumentieren wollten, wie der „Super - GAU" die Menschen und eine vor kurzem noch blühende Landschaft zugerichtet hat. Der 20. Jahrestag der Reaktorkatastrophe schien eine gute Gelegenheit, unsere Arbeiten nebeneinander zustellen, um die Welt daran zu erinnern, dass Tschernobyl immer noch strahlt, das Leid der Bevölkerung Generationen lang kein Ende nehmen wird.

Wir haben Pripjat gesehen, die am Reißbrett entworfene Kraftwerks-Stadt, die einmal 50 000 Einwohner hatte und noch mal so viele haben sollte, wenn alle 12 projektierten Reaktorblöcke fertig gestellt wären. Jetzt ist Pripjat leer, die Menschen tot, krank, vertrieben. Das Hotel, der Markt, die Restaurants, der Vergnügungspark, die Kinderspielplätze, das Stadion, das Schwimmbad verfallen, durch die Ruinen pfeift der Wind.

Wir sahen den Friedhof der verstrahlten Maschinen. 2000 Bergepanzer, Hubschrauber, Löschfahrzeuge, Tankwagen, Truppentransporter, aufgetürmt zu einem rostenden Schrottgebirge.

Wir waren im stolzen Gomel, das täglich Dutzende Lastschiffe hinunter zur Schwarzenmeerküste sandte. Jetzt ähnelt die ganze Stadt den Werftanlagen, die langsam am Ufer des Sosch verrotten.

Wir sind immer wieder durch die verlassen Zone gefahren und fühlten uns oft wie am Ende der Welt. Bis wir Menschen trafen, die man aus Geldmangel nicht umsiedeln konnte, die man bei der Evakuierung schlicht vergessen hat oder die nicht mehr gehen wollten. Die Alten, Kranken, Resignierten. Wir sahen sie verseuchte Pilze essen und verstrahltes Gemüse und wir hörten sie sagen: „Anderswo gibt es zwar keine Radioaktivität, aber auch nichts zu essen."

Wir haben die Liquidatoren gesehen oder besser das, was von ihnen noch übrig ist, seit sie unmittelbar nach dem GAU versuchten, die Brände am Reaktor zu löschen. Tausende sind damals gestorben wie die Fliegen, der Rest vegetiert dahin, gepeinigt von Leukämie und Immunschwäche, von Funktionsstörungen der Leber, des Nervensystems und der Verdauungsorgane, von Sehstörungen, Chromosomendefekten, Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats oder von allem zusammen.

Und wir sahen immer wieder Kinder. Von deformiertem Erbgut geschädigte, direkt oder im Mutterleib verstrahlte Kinder. Behinderte Kinder, Kinder mit Schilddrüsenkrebs, mit Hirntumoren und Kinder mit Leukämie. Traurige Häuflein in Krankenbetten, die Köpfe rasiert, die kleinen Gesichter aufgequollen von Hormonen, den Tag verdämmernd in Erwartung einer weiteren Chemotherapie, der nächsten Laboruntersuchung, noch einer Operation. Wir sahen die Puppen auf den Kanten der Nachttischchen, die Ikonen auf Kissen und Fensterbänken. Wir hörten das Schluchzen der Mütter und fürchteten die grausame Stille im Reanimationszimmer, wenn der Arzt wieder einmal stumm den Kopf schüttelte.

Wir fühlten uns hilflos, fanden keine Worte des Trostes, aber wir wussten, dass wir die Pflicht hatten, darüber zu berichten.

Das Tschernobylerbe wurde für Weißrussland mit einer Bevölkerung von zehn Millionen Menschen zur schweren Last. Ein Sechstel des Landesterritoriums ist durch Radionuklide verseucht und zu einer Quelle höchster Gefahr geworden. Lange wurden Schilddrüsenkrebskranke in dem Land, das 70% des radioaktiven Niederschlags abbekam, nicht als Tschernobylopfer anerkannt, ebenso wenig wie verstrahlten Säuglingen, die nach der Katastrophe geboren wurden. Viele der jungen sterbenden Liquidatoren haben die wahren Gründe für ihre Erkrankungen nie erfahren dürfen.

Das Beschwichtigen und Vertuschen war unter den Politikern im Osten wie im Westen weit verbreitet. Und viele laufen auch heute noch mit von der Atom-Lobby gestifteten Scheuklappen herum. Tschernobyl ist nicht Geschichte, an Tschernobyl und den Folgen leiden und sterben auch heute noch konkrete Menschen. Darum danken wir der Stiftung „Kinder von Tschernobyl", die dieses Buch der Erinnerung und der Mahnung ermöglicht hat.

Rüdiger Lubricht und Anatolij Kljaschtschuk im März 2006

Rüdiger Lubricht über sein Tschernobyl Projekt:

Im Frühjahr 2003 begleitete ich erstmalig eine Delegation der niedersächsischen Landesstiftung „Kinder von Tschernobyl" auf einer Reise in die Ukraine. Auf der 3-tägigen Rundreise durch Gebiete der Ukraine hatte ich Gelegenheit, Einblicke in die realen Situationen der Krankenhäuser zu bekommen, die bei der Stiftung um Hilfe und Unterstützung für die Diagnostik bei Folgeerkrankungen, die im Zusammenhang mit dem Atomunfall stehen, gebeten hatten. Bei der Vergabe von Ultraschallgeräten und bei der Fort- und Weiterbildung von Ärzten hat die Stiftung bei dem Gesamtkomplex - Humanitären Hilfe - eine herausragende Rolle. Nach dieser ersten Reise, es folgten weitere vier Reisen, wurde mir klar, dass ohne die Unterstützung dritter die betroffenen Länder wie Belarus und Ukraine die medizinischen Probleme , die durch diese Katastrophe entstanden sind, nicht lösen können, da der finanzielle Aufwand von ihnen alleine nicht bewältigt werden kann. Im Verlaufe weiterer Gespräche mit Verantwortlichen der Stiftung wurde deutlich, dass durch die vergangenen 19 Jahre von 1986 bis jetzt das Intersees an diesem Thema und den Folgen für die Betroffenen bei vielen Menschen sehr nachgelassen hat. Das hatte auch zur Folge, dass die Spendenfreudigkeit nicht mehr in dem gewünschten und erforderlichen Maße vorhanden ist. Aus diesem und auch weiteren Gründen wurde die Frage gestellt, wie man anlässlich des 20.Jahrestages der Wiederkehr des Unglücks das Thema noch einmal nachhaltiger in der Öffentlichkeit darstellen könnte. Es entstand die Idee, 2006 ein Buch und Ausstellungsprojekt zu entwickeln. Es sollte eine Reflexion zweier Fotografen zu dem Thema sein.

1. der belarussische Fotograf Anatol Kl. hat seit etwa 1987 intensiv an dem Thema gearbeitet. Er hat als dort ebnender Bildjournalist Krankenhäuser und Familien in den Dörfern besucht und kontinuierlich bis heute eine eindrucksvolle Arbeit/ Dokumentation zu den menschlichen Tragödien geschaffen. Er war auf der Suche nach der Wahrheit; er hat mit versucht, sie mit seinen Bildern der Welt zu zeigen. Seine Bilder sind von einer absoluten Qualität, sie hinterlassen bei dem Betrachter einen tiefen Eindruck. (weitere Angaben sind aus seinem Text zu entnehmen, der als Übersetzung vorliegt.)

2. ich habe insgesamt fünf Reisen in die Länder Belarus und Ukraine zwischen Frühjahr 2003 und Frühjahr 2005 unternommen. Einerseits habe ich dabei die Delegationen der Stiftung bei ihren Reisen und Veranstaltungen begleitet als auch eigene Reisen in die Sperrzonen von Tschernobyl (Uk) und Gomel (Belarus) unternommen, um meinen fotografischen Ansatz zu diesem Projekt zu erarbeiten. Mein Ansatz umfasst im Einzelnen: Bilder von der verlassenen Stadt PRIPYAT zu machen sowie solche von den verlassenen Dörfern. Außerdem wollte ich die Menschen und deren (verstrahlte) Arbeits- und Lebensräume zeigen. Das sind Menschen, die für ein bis zwei Wochen in der Sperrzone arbeiteten, immer in Zusammenhang mit dem Atomkraftwerk. Für sie ist das Leben dort zur Normalität geworden. Ein weiterer wichtiger Ansatz für mich war die Suche nach den Rückkehrern, den Alten. Sie und Ihr Umfeld (verstrahlte Lebensräume), ihr vertrautes Heim und Dorf , so wie früher, vor dem Super-Gau, haben sie sich wieder eingerichtet, sie ignorieren die für ewig bleibende unsichtbare Gefahr . Ferner habe ich Bilder von der medizinischen und sozialen Versorgung der Menschen In der Ukraine und in Belarus gemacht. Die Einrichtungen, in denen ich fotografiert habe, sind alle weitestgehend mit den gesundheitlichen und sozialen Folgen durch den Atomunfall belastet.