Die Bürger von Leipzig
9. Oktober 1989 Ein Entwurf 2013

Kunst ist Manifestation


Ein Nachtrag zum Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal von Waldemar Otto

Kunst ist Manifestation! Auf diese knappe aber prägnante Formel lässt sich – oder vielleicht muss man besser sagen – sollte sich diejenige Kunst reduzieren lassen, die für den öffentlichen Raum bestimmt ist. Kunstwerke sind damit öffentliche Bekundungen spezieller historischer Ereignisse, bestimmter Ideale und Wertevorstellungen. Sie sind aber auch Manifestationen der eigenen ästhetischen Überzeugung des Künstlers.

Die Gestaltung von öffentlichen Denkmälern gehört zu einer der vornehmlichen Aufgaben, mit deren Lösung Bildhauer aller Zeiten beauftragt wurden. Waren die Monumente zunächst Manifestationen herrschaftlicher Macht und politischer Größe, so rückte zunehmend der einzelne Mensch, seit dem 18. Jahrhundert auch verstärkt die abstrakte Idee, in den Vordergrund. Auch wenn unterschiedlichste Auftraggeber, politische und gesellschaftliche Verhältnisse mannigfaltige Zeichen generiert haben, ist den Denkmälern doch eines gemeinsam: Die Aufgabe scheint erst dann gelöst, wenn das gefundene Zeichen lesbar ist und zwar – dies ist für ein Denkmal essentiell – eindeutig lesbar ist. Es mag zur Mahnung der Untertanen, zur Ermutigung Gleichgesinnter, als Dokumentation von etwas Erreichtem errichtet worden sein, sobald die Bezüge nicht mehr klar sind, hat das Denkmal seinen Sinn verloren. Es ist dann auf seinen rein äußerlichen, im besten Fall noch dekorativen Gehalt reduziert. Diese unabdingbare Eindeutigkeit ist die Basis, auf der Waldemar Ottos Nachtrag zum Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal aufbaut.

Nach dem bereits im Herbst 1989 bekundeten Willen, der damals jüngst erlangten deutschen Freiheit und Einheit ein Denkmal in Berlin zu errichten, forderte der deutsche Bundestag am 9. November 2007 dazu auf, gemeinsam mit dem Freistaat Sachsen und der Stadt Leipzig den »Beitrag der Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt zur friedlichen Revolution auf angemessene und sichtbare Weise zu würdigen«. Mit anderen Worten: Es sollte dem gewaltfreien Widerstand von Bürgern der ehemaligen DDR, der im Herbst 1989 mit 70.000 friedlich demonstrierenden Menschen seinen Höhepunkt fand, ein Denkmal gesetzt werden. Seinem politischen und künstlerischen Anspruch gemäß war es an eine »breite demokratische Öffentlichkeit« zu richten und, wie im Ausschreibungstext vermerkt, sollte »das Vermächtnis der Friedlichen Revolution, die urdemokratische Tatsache, dass sich das Volk selbst zum Akteur der Geschicke erhob und zugleich die Friedfertigkeit zum Handlungsmuster erklärte, in einem öffentlich sichtbaren Zeichen für die Nachwelt« bewahrt werden (Bekanntmachung der Stadt Leipzig, 2011). Dieser Kernaussage hat sich Waldemar Otto mit seinem Entwurf »Bürger von Leipzig« gestellt und es sich überdies zur Aufgabe gemacht, sich damit gleichzeitig in einen nichtoffenen Wettbewerb öffentlich einzumischen.

 

Sowohl die Standortwahl in unmittelbarer Nähe zum Leipziger Ring, als auch die damals in zyklischen Bewegungen verlaufenden Demonstrationszüge bilden die Basis der von Waldemar Otto ringförmig konzipierten Anlage. Einheit und Einigkeit in der gemeinsam vertretenen Überzeugung sowie die Vollendung der dort angestrebten Revolution liegen dieser zunächst abstrakten Form des Kreises zugrunde. Die Perfektion eines Kreises nahe des Leipziger Rings – sicherlich ein mögliches Zeichen für eine gemeinsame, friedliche Demonstration; doch ist er auch ein eindeutig lesbares Zeichen? Waldemar Otto hat diese Frage für sich unmissverständlich beantwortet. In mehreren hintereinander gestaffelten Reihen verdichten sich die einzelnen Menschen zu einer gemeinsamen Masse.

Unter Rückgriff auf die in der Renaissance entstandene Perspektivkonstruktion, der sogenannten »reliefo schiaccato-Technik«, entwickelte Otto mit Figuren, die an einigen Stellen als skizzenhafte Ritzzeichnungen im Reliefgrund angelegt sind, anderenorts in vollplastisch ausgearbeitete Partien überführt wurden, eine kohärente räumliche Gestaltung. Doch während die meisten historischen Vorgänger einen Tiefenzug entstehen lassen, kehrt Waldemar Otto die Richtung um: Seine Szenarien entwickeln sich aus dem Hintergrund in den Betrachterraum hinein und verselbständigen sich dort zu einem freiplastisch stehenden Gegenüber.
Die gewählte konstruktive Anlage folgt damit dem inhaltlichen Gedanken, dass nicht einer Massenbewegung gehuldigt werden soll, sondern einer von individuellen Menschen vertretenen gemeinsamen Grundüberzeugung. Mimik, Gestik und die sporadisch empor gehaltenen Transparente, auf denen Aufschriften wie »Wir sind das Volk!« oder »Keine Gewalt!« zu lesen sind, geben der Masse ihre von Individuen vertretene Überzeugung zurück. Genau diese Individuen treten dem Betrachter entgegen.
Waldemar Ottos Figuren sind dabei zeichenhaft genug, um auf den Menschen an sich zu verweisen, und haben zugleich die nötige Abstraktion, um Abstand zum personalisierten Individuum zu schaffen. Ausschlaggebend dafür ist die von ihm seit den späten 1980er-Jahren entwickelte Formensprache, in der die Verwendung von Wachsplatten ein spontanes, reduziertes und zugleich konstruktives Arbeiten ermöglicht.
Waldemar Ottos Beitrag zum Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal ist eine in sich konsequente Manifestation seiner gesellschaftlichen wie künstlerischen Grundüberzeugung: »Ich habe mich immer wieder um Bildfindungen bemüht; mich für kleinere und große Themen eingesetzt. Demonstrationen sind ein ganz großes Thema – in den letzten Jahren haben sie die Welt verändert!« (Waldemar Otto, 2013).
Doch für Waldemar Otto als Bildhauer und Mensch sind »Freiheit« und »Einheit« zunächst nur abstrakte Größen. Der Mensch ist und bleibt, so seine künstlerische Grundüberzeugung, Träger dieser großen Erzählung von Einheit und Freiheit.

Dr. Yvette Deseyve
Kustodin Gerhard-Marcks-Haus, Bremen

 

Es gibt zwei Gründe, sich mit der Idee eines Denkmals für die Freiheitsrevolution zu beschäftigen:

  1. Die entscheidende Demonstration vom 9. Oktober 1989 in Leipzig war eine Sternstunde der deutschen Geschichte, die – als gewaltlos – beispielgebend weltweit Bedeutung erlangt hat.
  2. Es gibt in der Geschichte der Kunst keine bildhauerische Darstellung einer politischen Demonstration!

Von dem stattgehabten Wettbewerb zu diesem Thema in Leipzig habe ich die Festlegung der Örtlichkeit (Leuschnerplatz) für mein Entwurfsspiel angenommen. Ansonsten war schon im Vorfeld klargemacht worden, daß »illustrative und dokumentarische Formensprachen nicht erwünscht« seien (Sachverständigenrat für Kunst am Bau und im öffentlichen Raum der Stadt Leipzig). Ein Blick auf die Liste der Fachjuroren zeigt, daß diese Linie durchgepaukt werden würde. Es handelt sich also hier von vornherein um eine gezielte Verweigerung der zentralen Aufgabenstellung des Wettbewerbs, nämlich: Die Würdigung der Freiheitsrevolution und ihrer mutigen opferbereiten Teilnehmer. Kein Sachverständiger für Kultur gehört der Jury an, und bei den Sachpreisrichtern ist nur ein einziger Zeitzeuge genannt! Die Namen Christoph Führer oder Erich Löst als Chronisten der Ereignisse sucht man vergebens.

Beim Berliner Wettbewerb gab es für eine thematisch treffende Gestaltung – »Würdigung der Freiheitsrevolution« – ebenfalls keine Chance (s. Zusammensetzung der Jury!). Das Ergebnis ist die »Neumannwippe«. Ich habe damals eine weit über die Wettbewerbserfordernisse hinausgehende Werkgruppe geschaffen, um alle bildhauerischen Möglichkeiten einer solchen Darstellung zu eruieren. Hieran anschließend sind die Bürger von Leipzig entstanden. Ein Entwurf, der auch ein architektonisches Element enthält – einen aus Sandsteinblöcken gefügten Zylinderstumpf, eine Rotunde, die von der Demonstration umkreist wird. Ihr Inneres beherbergt ein audio-visuelles Informationszentrum. Der Mauerkranz enthält oben Punktstrahler, die nachts eine Lichtsäule bilden könnten oder synchron mit den Bodenleuchten schrittweise die Kreisbewegung des Demonstrationszuges verstärken würden.

Waldemar Otto
Worpswede, Sept. 2013

zu allen Demonstranten