Das Einheitsdenkmal
Entwürfe für ein Denkmal 2009

Die Demonstranten

Ausgangspunkt für die »Demonstranten« war der Wettbewerb für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal vor dem Berliner Schloß. Das Thema und die Aufgabenstellung hatten mich so fasziniert, daß ich davon nicht loskommen konnte und daran weiterarbeitete, obwohl der Wettbewerb gescheitert war. So entstand diese ganz autonome Werkgruppe.

Ursprungsort und Herz der friedlichen Revolution war bekanntlich die Leipziger Nikolaikirche. Die Friedensgebete mit den Kerzendemonstrationen und die Parole »Keine Gewalt« prägten die Freiheitsbewegung und verhalfen ihr letztlich zum Erfolg. Erich Loests »Nikolaikirche« legt davon Zeugnis ab.

Die »große Erzählung« von der Freiheits- und Einheitsbewegung findet hier also ihren Ort und ihre bildhafte Darstellbarkeit. Die Unverwechselbarkeit der Kirchenarchitektur als Flachrelief mit Ritzzeichnungen und die sich herauslösenden halb- und vollplastischen Partien ergeben in ihrer Tiefenstaffelung ein Szenarium, das die inhaltlichen Elemente der Situation und des Themas lesbar macht. Ihre skulpturale Ausprägung verdankt die Werkgruppe »Demonstranten« also dem formalen Kanon des Szenariums, das in dieser flächigen Gestaltung und gedrängten Staffelung in meinem Oeuvre bisher nicht vorkommt

Waldemar Otto

 

Keine Joker-Figur! - Beobachtungen zu Waldemar Ottos »Demonstranten« von Arie Hartog

Die Werkgruppe »Demonstranten« ist die konsequente bildhauerische Weiterentwicklung eines Denkmalsentwurfs. Am Anfang stand der gescheiterte internationale Wettbewerb für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal auf dem Sockel des zerstörten Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I. gegenüber dem neu aufzubauenden Berliner Schloss. Für diesen Wettbewerb entwickelte Waldemar Otto zusammen mit dem Architektenbüro Peter und Jacob Lehrecke aus Berlin ein Konzept, das einen großen gemauerten Bogen als Einheitssymbol mit einem ausführlichen skulpturalen Bildprogramm verbinden sollte. Die verschiedenen plastischen Szenarien sollten von figürlichen Bildhauern aus allen Teilen Deutschlands ausgeführt werden, was den Einheitscharakter des Denkmals unterstrichen hätte. Ottos eigene Figuren, die aus dem großen Bildprogramm herausgelöst wurden, sind auf den ersten Blick künstlerische Beispiele für diese Aufgabe. Bei näherer Betrachtung erweisen sich die einzelnen Plastiken aber auch als bildhauerische Statements, in denen auf selten explizite Weise formuliert wird, was ein Denkmal heute leisten kann. Es sind keine bloßen autonomen Kunstwerke, sondern jeweils Träger einer bestimmten Programmatik.

 

Denkmäler gehören zu den problematischen Herausforderungen innerhalb der zeitgenössischen Kunst. Es gibt historische Beispiele, die aus einem bestimmten Kontext heraus entstanden sind und sich unserem kulturellen Gedächtnis eingeprägt haben. Diese dominieren das Denken und bestimmen die vorherrschenden Illusionen, wenn es darum geht, neue Denkmäler zu schaffen. Wer diesen Mechanismus untersucht, entdeckt ein prinzipielles Problem, das leider nur von wenigen Künstlern (und Politikern) erkannt und verstanden wird. Erhaltene Denkmäler sind nicht bloße Dokumente einer fernen Epoche. Es können durchaus Kunstwerke sein, die über ihr Dasein, ihr Aussehen und ihren Inhalt hier und jetzt Bedeutung bekommen. Aber in der Praxis werden sie auf ihren schönen historischen Schein reduziert, woraus sich im nächsten Schritt erklären lässt, warum manche glauben, zeitgenössische Denkmäler müssten möglichst zeitgenössisch sein. Diesen Mechanismus bewusst zu urchbrechen, wäre die eigentliche Aufgabe für das geplante Freiheits- undem Einheitsdenkmal. Nicht bloß in der Zukunft an (den Kunstbetrieb von) 2009 zu erinnern, sondern in einem zukünftigen Hier und Heute der friedlichen Revolution von 1989 und 1990 zu gedenken. Und das Besondere dieser Revolution waren die Menschen.

Ein wesentlicher Aspekt eines Denkmals ist seine prinzipielle Eindeutigkeit. Während Betrachter bereit sind, sich der Illusion hinzugeben, Menschen hätten sich in der Vergangenheit auf eindeutige Bilder zur Darstellung komplexer historischer Sachverhalte geeinigt, erweist es sich als unmöglich, solche in einer modernen diversifizierten Gesellschaft zu finden. Dabei ist der Wunsch danach tief verankert. Altehrwürdige Denkmäler bedienen die Fantasie, früher sei man sich einig gewesen, wobei sie natürlich zuallererst ein Zeichen dafür sind, dass auch ästhetische Entscheidungen nicht demokratisch getroffen wurden. Die einfache Lösung ist es nun – und die jüngere Kunstgeschichte ist voll davon – ein möglichst unpräzises Denkmal zu schaffen, was anstelle von Identifikation Schulterzucken evoziert. In diesem Zusammenhang wäre ein neuer kunsthistorischer Fachbegriff wie »Konsensdenkmal« einzuführen. Das heißt, die Mehrheit einigt sich, nicht weil die Lösung die denkbar Beste ist, sondern darum, weil alle damit leben önnen. Und genau das ist zu wenig für ein Denkmal. Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich hat vor einigen Jahren darauf hingewiesen, dass es eine eigentümliche Beziehung zwischen dem Erfolg auf dem internationalen Kunstmarkt und den Inhalten eines Kunstwerkes gibt. Je expliziter der Inhalt, desto geringer die Chance, dass ein Werk sich durchsetzt, und Ullrich prägte in diesem Zusammenhang den Begriff »Joker« aus dem Kartenspiel für erfolgreiche Kunst, die inhaltlich alles sein kann – letztendlich jedoch leer bleibt. Es gibt eine offensichtliche Verbindung zwischen der Problematik des »Konsensdenkmals« und dem »Joker«, und es lohnt sich, darüber nachzudenken. Denkmäler und der internationale Kunstmarkt erhalten sich nämlich im Prinzip proportional umgekehrt: Denkmäler basieren darauf, dass etwas wichtig ist, und das muss sich dem Konsens der Leere entziehen. Die logische radikale Umkehrung wäre ein »Ein-Mensch-Denkmal« (was die kaiserlichen Denkmäler in Deutschland ja auch eigentlich waren), oder – und das ist die nur scheinbar einfache Lösung für das Paradox, die Waldemar Otto gefunden hat – ein Denkmal, in dem jeder Mensch individuell menschliches Handeln erkennen kann. Der Bildhauer hat dazu eine radikal neue Konzeption der menschlichen Figur entwickelt. Formal kreierte er sehr flache Figuren, die Volumen vortäuschen, aber ihre eigentliche Besonderheit liegt in den inhaltlichen Implikationen. Es mag erscheinen, als würde Otto hier auf die expressionistische Tradition zurückgreifen, aber es ist ein expressives Vokabular, das aus seiner besonderen Arbeitsweise entwickelt wurde.

Ottos Werk entstammt der Berliner Bildhauertradition. In dieser Tradition wird das Gleichgewicht zwischen stereometrischen Formen und dem Naturvorbild untersucht, und Otto gehört zu den Exponenten, die sich in ihrer Bildhauerei weit vom Naturvorbild entfernt haben, bei aller Abstraktion jedoch immer figürlich geblieben sind. Seine Werke sind plastische Formen, die auf den Menschen verweisen; auf den Dargestellten und auf den Betrachtenden, der in ihnen Emotionen und Handlungen erkennt.

Ein wesentlicher Aspekt der Tradition ist, dass ein Künstler weiß, was gemacht wurde. Wer wie Otto aus seinem Selbstverständnis heraus in einer Tradition steht, hat auch den Anspruch, diese weiterzuentwickeln. Wer nicht weiß, was es früher gab, wird meistens an den gleichen Problemen scheitern wie die vielen unbekannten Vorläufer. An Errungenschaften früherer Generationen anzuknüpfen und gleichzeitig zu versuchen, deren ungelöste Probleme hier und heute zu bewältigen, dürfte eine der wenigen nicht nur rein künstlerischen Strategien sein, um einen Schritt voran zu kommen. Das Problem der menschlichen Figur in der Bildhauerei des 20. Jahrhunderts ist der Vorbildcharakter, der diesem Thema traditionell nachgesagt wird. Dieser Vorbildcharakter ist nicht umsonst verdächtig geworden, und ein Bildhauer wie Otto hat, indem er sich mit bildhauerischen Aspekten auseinander setzte, bereits in den 1960er Jahren einen Weg gefunden, sich davon zu lösen. Das Problem der Abstraktion ist jedoch, dass die Identifikationsmöglichkeiten reduziert werden. Während das Vorbild den Betrachtern suggeriert, es gebe einfache Lösungen, verweist die weitgehend abstrahierte menschliche Form kaum noch auf Leben. Eine Alternative, mit der bereits in den 1920er Jahren experimentiert wurde, ist die möglichst individuelle Darstellung des Menschen; mit all ihren Gebrechlichkeiten, was als Anklage jedoch sehr wirksam sein kann. Das für Berlin geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal sollte ein affirmatives Kunstwerk sein. Es sollte daran erinnern, dass auf deutschem Boden etwas Besonderes stattgefunden hat. Die gängige figürliche Konvention für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal wäre in diesem Zusammenhang das »Vorbild«, aber dies nicht zum Ausgangspunkt zu nehmen, erweist sich im Fall Ottos als sein besonderer Beitrag zum Thema.

Waldemar Otto arbeitet seit 1989 direkt mit Wachsplatten. Er formt vereinfachte Volumen aus diesem Material, und diese werden anschließend in Bronze gegossen. Mit den daraus entwickelten Plastiken bewegte er sich lange Zeit auf einem bemerkenswerten Grat zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Das Material Wachs kennt bestimmte statische Einschränkungen, und so entwickelte der Bildhauer Figuren, die immer an Säulen erinnerten: klar durchkomponierte, verallgemeinerte vertikale Darstellungen von Menschen. Nach einer schweren Krankheit entdeckte Otto mit seinem »Sitzenden Alten« von 2008, dass eine verbogene Wachsfigur eine besondere Inhaltlichkeit besitzt. Es fehlt ihr die Vertikalität, das Säulenhafte, und damit verschwinden alle Assoziationen des kerzengeraden Stehens. Es entstanden Figuren ohne jeden Hochmut, und mit dieser neuen Form fand der Bildhauer seine Form für das Berliner Denkmal. Es gibt nämlich kaum »Demonstranten« in der Geschichte der europäischen Bildhauerei. Die meisten bekannten fahnenschwingenden Frauen und Männer aus Bronze sind zuallererst Viktorias. Der Anspruch dieser Figuren ist, dass die Geschichte den Dargestellten recht gegeben habe und sie darum in Bronze gegossen wurden. Es sind letztendlich Zeichen für die zielorientierten Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts. Waldemar Otto fand dagegen eine Form, um an menschliches Handeln zu erinnern, so wie es wohl wirklich war: nicht selbstherrlich, sondern voller Glaube, Hoffnung und Zweifel gleichzeitig. Und das vielleicht gerade darum Geschichte gemacht hat. Der erwähnte Wettbewerb ist nicht gescheitert.

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